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An die Grenzen gehen - um die Mitte zu spüren




Am Ostermontag waren wir zu zweit bei schönstem Wetter oberhalb der Gemmi in den Walliser Alpen mit den Schneeschuhen im Aufstieg zu den Lämmerenplatten. Da kam uns eine 3er-Skitouren-Gruppe auf der Abfahrt entgegen. Es fiel schon von weitem auf, dass etwas bei ihnen speziell war. Die drei Frauen fuhren langsam und nahe beieinander. Als sich unsere Wege kreuzten, erkannten wir, dass eine Frau wohl ganz blind sein musste. Eine Führerin fuhr direkt neben ihr und gab ihr laufend 1:1-Anweisungen. «Rechtskurve – Linkskurve – Rechtskurve und Anhalten». Das alles geschah mit grosser Ruhe und hoher Konzentration. An einer steilen, querverlaufenden Stelle nahmen beide Begleiterinnen die Frau an die Hand. Es war wunderschön und faszinierend zum Zuschauen, es wirkte leicht und freudvoll.


Gerne hätte ich die blinde Tourengängerin gefragt, mit welchen Sinnen sie die Kraft der Natur wahrnimmt, welches innere Bild sie von der Schönheit der Berge hat, auf welche Art sie den Schnee, den Wind, das Gelände erfährt oder wie es ihr gelingt, sich nur mit dem Gehör zu orientieren. Aber die drei Frauen waren so vertieft in ihr gemeinsames Vorankommen und so aufeinander eingespielt, dass ich es in diesem Moment nicht wagte, sie zu stören, diese Harmonie, dieses magische Zusammenspiel zu unterbrechen. Ich erlaubte mir auch nicht, ein Foto zu machen.

Diese kurze Begegnung klang in mir noch lange nach.

Blind Ski fahren ist auf einer präparierten Piste bestimmt schon eine riesige Herausforderung. Wie anspruchsvoll muss es dann erst im freien Gelände, im unpräparierten Schnee sein?

Ich bewundere den Mut der Frau, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen, sich voll und ganz von den Begleiterinnen führen zu lassen, ihnen «blind» zu vertrauen. Sich aber auch auf die eigenen Fähigkeiten zu verlassen, die nicht vorausplanbare Situation im Schnee zu meistern. Vielleicht ist es für sie das Selbstverständlichste auf der Welt. Weil sie ihre Aufmerksamkeit darauf fokussiert, was möglich ist und funktioniert, was zu meistern ist. Und nicht darauf, was ihr als blinder Mensch nicht mehr gegönnt ist. Und so eine Freiheit zu gewinnen, die für uns Sehende im ersten Moment unmöglich erscheint.

Das Erlebnis mit dieser Skitouren-Gruppe hat mir in Erinnerung gerufen, wie wichtig es ist, sich auch selber wieder mal an die eigenen Grenzen zu wagen. Den Mut und das Vertrauen aufzubringen, um sich auf unbekannte Herausforderungen einzulassen. Sie hat mich inspiriert, mich bei Gelegenheit aus meiner Komfortzone herauszubewegen, um daran zu wachsen und dabei verstärkt meine Mitte zu spüren.

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