Pandemie-Lehrling, 2. Lehrjahr

Der Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher Franz Hohler hat im vergangenen Sommer geschrieben, er sei ein Pandemie-Lehrling im 1. Lehrjahr. Er habe u.a. gelernt, Abstand zu andern Menschen zu halten, die Hände nach jeder Tätigkeit zu waschen oder zu desinfizieren und dass das, was er ja schon seit Jahrzehnten mache, nämlich zuhause am Schreibtisch an seinen Texten zu arbeiten, Homeoffice heisse. Er sei gespannt, was er noch lernen müsse.

 

Ja, wir haben viel gelernt in den letzten elf Monaten. Dinge, die uns unmöglich erschienen, wurden plötzlich zur Selbstverständlichkeit. Für mich z.B. mit einer Gesichtsmaske einzukaufen, zu twinten oder Workshops online zu moderieren. Bald kommen wir ins 2. Pandemie-Lehrjahr. Was von uns da im Lehrplan noch alles erwartet wird?

 

Zwei wichtige Lerninhalte aus dem 1. Lehrjahr werden sicher auch weiterhin wichtig sein: ein starkes IMMUNSYSTEM und RESILIENZ.

Unser Immunsystem ist – neben allfälliger Impfung oder der Selbstisolation – das wirksamste Mittel gegen das Corona-Virus. Es kann durch ausgewogene Ernährung, viel Bewegung an der frischen Luft und ein gutes Stress-Management gestärkt werden. Emotionen wie Angst, Sorgen, Ärger und Wut schwächen dieMitochondrien, die wichtigsten Player im Immungeschehen. Auch Stress ist Gift für diese Zellkraftwerke.

 

Um die aktuelle Krise gut zu überstehen, brauchen wir auch Resilienz, die seelische Widerstandskraft. Sie hilft uns, widerliche Umstände gut und ohne Stress zu überstehen. Oder wie die bekannte Psychotherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin es definierte: "Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen.".

 

Die Psychologie nennt zumeist sieben Faktoren, die zusammen die seelische Widerstandskraft verbessern:

  1. Optimismus
    Positive Weltsicht und positives Selbstkonzept: so optimistisch wie möglich in die Zukunft blicken.

  2. Akzeptanz
    Akzeptieren, was nicht zu ändern ist.

  3. Lösungsorientierung
    Umwandlung von Problemen in Chancen, klare Visionen und Ziele.

  4. Opferrolle verlassen
    Situationen und Geschehnisse hinter sich lassen, nach vorne schauen und aktiv und selbstverantwortlich nach Lösungen suchen.

  5. Verantwortung übernehmen
    Initiative zeigen und sich aktiv für die Erreichung der eigenen Ziele einsetzen.

  6. Zukunftsplanung
    Aktiv und bewusst die Zukunft gestalten.

  7. Netzwerkorientierung
    Sich vernetzen und mit Menschen in qualitative Beziehung treten – trotz "physical distancing".

Ein extremes Beispiel von Resilienz hat Viktor Frankl in seinem weltbekannten und bewegenden Buch "Trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" beschrieben.

 

Um sich während der Gefangenschaft innerlich wieder aufzurichten, musste es gelingen, sich auf ein Ziel in der Zukunft hin auszurichten, schreibt Frankl, so wie es Friedrich Nietzsche schon sagte: "Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie". Für Frankl selber war im Konzentrationslager vor allem die Vorstellung, später Vorlesungen über die Auswirkungen des Lagers auf die Psyche zu halten, die entscheidende Überlebens-Kraft. Auch ging er in seinen Gedanken immer wieder seine schönsten Klettertouren durch.

 

Ich hoffe sehr, dass die Pandemie-Lehre mit einer verkürzten Lehrzeit von nicht ganz 1.5 Jahren auskommt und wir im Juni 2021 zur ersten woche53-Durchführung starten können. 

 

Ich wünsche euch ein starkes Immunsystem und eine gute Widerstandskraft!

 

Danièle Zatti