Sich selbst auf die Spur kommen

Eine anspruchsvolle Zeit liegt hinter uns... - auch für das woche53-Team. Der Ausnahmezustand aufgrund der getroffenen Corona-Massnahmen neigt sich nun zumindest in seiner extremsten Ausprägung langsam dem Ende zu. Das soziale und wirtschaftliche Leben nimmt in kleinen Schritten wieder Fahrt auf. Zeit, um Luft zu holen und Zeit, um nachzudenken. Weil der unfreiwillige Rückzug und die Distanz auch den Blick geschärft haben, was im eigenen Leben wirklich wichtig ist und was weniger, lohnt es sich jetzt zu überlegen, was wir persönlich aus dieser Corona-Zeit mitnehmen. Mir persönlich gelingt das besonders gut, wenn ich meine Gedanken und Beobachtungen niederschreibe. Am liebsten in mein Notizbuch, das seit vielen Jahren mein treuer Begleiter ist.

Innezuhalten und Aufzeichnungen zu machen ist eine alte Reflexionspraxis und das persönliche Notizbuch ein hervorragendes Werkzeug, um festzuhalten, was im Moment gerade auftaucht. Notizbuchschreiben ist die Technik der Selbstreflexion. Mit Schreiben kann man sich selbst wunderbar auf die Spur kommen. Festhalten des Augenblicks und Würdigung des eigenen Lebens. Schreiben ist im Grunde der beste und günstigste Weg, sich selbst kennenzulernen und sich weiterzuentwickeln. Doris Dörrie schreibt in ihrem 2019 veröffentlichten Buch Leben, schreiben, atmen: «Ich weiss nur, dass man, wenn man Wort für Wort, Satz für Satz über die Welt schreibt, in der man sich befindet, eine Ahnung von sich selbst bekommt.»

 

Schreiben wirkt bei mir auch in hohem Masse stressmildernd: niederschreiben und rauslassen, was Ärger, Frustration und Sorge bereitet, schafft eine grosse innere Entlastung. Verschiedene Studien belegen die positive Wirkung vom Schreiben über belastende Lebensereignisse.

 

Gedanken und Optionen in Worte fassen schafft Klarheit und hilft entsprechend bei Entscheidungen. Schriftlichkeit erhöht die Verbindlichkeit, nicht zuletzt, weil die Wahrscheinlichkeit steigt, Ziele zu erreichen, wenn wir sie aufschreiben.

 

Schreiben heisst auch, Zeit mit sich selbst zu verbringen, das eigene Leben bewusst wahrzunehmen, sich mit sich selbst zu verbinden – es ist damit eine Form der Lebenskunst. Mit Schreiben und während des Schreibens finden viele Menschen immer wieder die innere Ruhe – auch wenn es rundherum ziemlich hektisch und laut zu und her geht. Schreiben hilft, ganz im Hier und Jetzt zu sein, sich fokussieren zu können. Mit Schreiben können wir unsere inneren Quellen für Energie, Glück, Dankbarkeit und Zufriedenheit entdecken. Ein persönliches Notizbuch kann uns auch dabei unterstützen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auf die «Muster des Gelingens» zu richten.

Das Notiz- oder Tagebuch ist ein treuer Verbündeter und Begleiter, der immer Zeit hat, gewissermassen immer ein offenes Ohr hat. Die Schreibgewohnheit stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit und erhöht unsere Selbstbewusstheit. Ein persönliches, regelmässig nachgeführtes Notizbuch (und mit den Jahren eine ganze Reihe davon) dokumentiert wunderbar die Veränderungen und Fortschritte in den verschiedenen Lebensphasen.

Schreiben hilft, das eigene «Warum» zu finden – der rote Faden wird von Notizbuch zu Notizbuch sichtbarer, nicht von Zeile zu Zeile. Beim Durchlesen alter Einträge stellt man in der Regel fest, dass man sich über vieles Sorgen gemacht hat, was sich im Rückblick als unnötig erwies. Das Notizbuch lernt einem, sich weniger Sorgen (auf Vorrat) zu machen.

 

Von Hand zu schreiben ist auch ein sinnliches Erlebnis mit der eigenen, ganz persönlichen Schrift. Die Gedanken fliessen vom Kopf direkt in die Hand... – eine Tastatur kann da hinderlich sein. Und man schreibt nur für sich – Rechtschreiberegeln sind im eigenen Notizbuch unwichtig. Am besten schreibt man einfach auf, was und wie es kommt, losschreiben ohne Selbstzensur.

 

Um sich die Praxis des Notizbuchschreibens anzueignen, lohnt es sich, zwei bis drei Monate daran zu bleiben; mindestens einmal wöchentlich eine Stunde hinsitzen und schreiben, was einem gerade durch den Kopf geht. Auf diese Weise wird das Notizbuchschreiben zur schönen Gewohnheit, es baut sich eine stabile Journaling-Routine auf. Schreiben wirkt. Nicht nur in Corona-Zeiten.

Armin Haas