Vom Urteilen und Bewerten

 

„Mir war nicht klar, wie häufig am Tag ich urteile, wie stark ich Menschen, Situationen, Themen und Dinge bewerte ohne mir dessen auch nur im Ansatz bewusst zu sein.“  Diese und vergleichbare Aussagen von Teilnehmenden meiner MBSR (Mindfulness based Stress Reduction)-Kurse höre ich regelmässig. Mit dieser Erkenntnis einher geht häufig Erstaunen, in welch hohem Ausmass wir tagein tagaus unbewusst urteilen und (be)werten. Sie ist aber auch verbunden mit Betroffenheit, weil das nächste Urteil auf den Fuss folgt: „Das ist nicht gut, das sollte ich nicht tun!“ Im Laufe des Kurses folgt diesem Erkennen die Erleichterung, einem sehr menschlichen Muster auf die Schliche gekommen zu sein, das wir, wenn wir nicht wollen, so nicht aufrecht erhalten müssen. Wir haben die Wahl… 

Warum bewerten und urteilen wir so viel? 

Hilfreich ist zu wissen: Unser ständig urteilender Verstand ist eine uralte, eigentlich sehr hilfreiche Kompetenz, die es uns Menschen im Laufe unserer Evolution ermöglicht hat, schnell einzuschätzen, ob wir in Gefahr sind oder nicht. Dieser Kampf-, Flucht- oder Totstell-Mechanismus hat uns das Überleben gesichert.

 

Heute allerdings kommt uns dieses archaische Muster gerne in die Quere. Ohne existentielle Not urteilen wir über uns (‚ich schaffe es einfach nie‘), unsere Mitmenschen (‚die sieht aus wie eine typische xy‘,) deren Verhalten (‚der ist schwierig‘), Situationen (‚das hat er unmöglich formuliert‘) oder Themen (‚das macht man bei uns nicht‘).

 

Bemerkenswert ist auch die Tendenz zum Negativen, die wir beim Urteilen haben: Wir gehen häufiger ungnädig als wohlwollend mit uns und anderen ins Gericht, was dem gleichen archaischen Überlebensmuster geschuldet ist. Nur misstrauische Jäger-und-Sammler vermuteten hinter dem nächsten Busch ein wildes Tier und liessen entsprechend Vorsicht walten.

 

Auch ich blicke auf teils unrühmliche Geschichten meines unbewusst urteilenden Verstandes zurück. Erst im Nachhinein habe ich erkannt, dass ich bei manchen Begegnungen meine Urteils-Schubladen viel zu schnell auf und wieder zu gemacht hatte. Mein Blick war wenig differenziert, gefärbt von persönlichen Erfahrungen, Interpretationen und Bewertungen. Basta, so war es. 

 

Was mir dabei aber aufgefallen ist: Nicht nur die Schubladen sind zu, auch das Herz verschliesst sich. Und meist geht das einher mit mangelndem Wohlbefinden, Abneigungen, Unzufriedenheit, geringem Selbstwert und anderen Formen negativer emotionaler Energie. So aufgeladen blockieren wir Kontakt und Beziehung.

 

Bei all dem sage ich nicht, wie es in letzter Zeit häufig zu lesen und zu hören ist: ‚Du sollst nicht urteilen!.‘ In vielen Situationen müssen wir analysieren, bewerten, urteilen und entscheiden. Wofür ich plädiere ist das unbewusste Urteilen samt seiner verdeckten Muster bewusst werden zu lassen. Das kann ein gutes, manchmal anspruchsvolles Stück persönlicher Entwicklungsarbeit sein. 

 

Mit dem Bewusst-werden entsteht eine Wahlmöglichkeit: Ich kann so urteilen, muss aber nicht. Diese bewusste Wahlmöglichkeit schafft Raum und Freiheit für ein offeneres und friedvolleres Herz, mir selbst und anderen gegenüber.

 

Wie kommst du deinem urteilenden Verstand auf die Schliche?

Führe über 2 Wochen eine Art Tagebuch. In der ersten Woche trägst du 1 x pro Tag ein angenehmes Erlebnis ein. Dazu beantwortest du die folgenden Fragen:

  1. Warst du dir der angenehmen Erfahrung während des Geschehens bewusst?
  2. Was hast du in dem Moment in deinem Körper gespürt?
  3. Welche Stimmungen, Gedanken, Gefühle gingen mit dem Erlebnis einher?
  4. Welche Gedanken und Gefühle hast du jetzt, in dem Moment, in dem du das schreibst?

In der zweiten Woche machst du das gleiche, nur mit unangenehmen Erlebnissen.

 

Mit dem Verschriftlichen über einen längeren Zeitraum lernst du deine Muster besser kennen. Wichtig: Sei freundlich mit dir, wenn du merkst, dass du unbewusst geurteilt hast. Schliesslich ist das der Moment, auf dem es ankommt: Es zu merken und bewusst (anders) zu entscheiden.

Monica Boos