Der glückliche Zufall des Lebens

Als Personalleiter habe ich Tausende von Lebensläufen gesehen... - beim Lesen dieser sauber aufbereiteten CVs mit den chronologisch aufgelisteten beruflichen Schritten und Ausbildungsstufen könnte man den Eindruck gewinnen, all diese Werdegänge und eindrücklichen Laufbahnen seien das Ergebnis sorgfältiger Planung. Auch im Gespräch mit Bewerbern entsteht üblicherweise das Bild, der berufliche Werdegang sei bewusst so geplant gewesen. Kaum eine/r hat mir gesagt: „Wissen Sie, im Grunde war alles Zufall..., ich habe wenig geplant in meinem Leben, es kam alles so, wie es eben kam...“. Für jemanden, der in einem Job-Interview eine Runde weiter kommen will, wären solche Aussagen bestimmt nicht karrierefördernd.

In Tat und Wahrheit ist es aber genau so: Wir Menschen leben unser Leben zufälliger als es uns häufig bewusst ist. Vieles fällt uns einfach zu, anderes mutet uns das Leben ungefragt zu...

 

John Krumboltz hat vor 10 Jahren die „Happenstance Learning Theory“ begründet (das englische Wort „happenstance“ bedeutet Zufall). Seine Theorie besagt, dass nicht die Entschiedenheit in der Berufswahl, sondern die Offenheit für sich ergebende Gelegenheiten und das gezielte Verwerten von Zufällen die wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Laufbahn sind. Berufswahl und Laufbahnentwicklung sind demnach keine wirklich planbaren und rationalen Sachen, sondern das Resultat eines komplexen, unprognostizierbaren und gewissermassen zurälligen Prozesses.

 

Die Muster und Konsequenzen von bestimmten Ereignissen sind im Leben unvorhersehbar. Grössere, persönlich einschneidende Ereignisse (wie beispielsweise ein Stellenverlust) können kleine Effekte haben (sofortiges Finden einer vergleichbaren Position). Umgekehrt können kleinere, unbedeutend erscheinende Ereignisse (wie ein Kaffeepausen-Gespräch mit einer Kollegin aus einer anderen Abteilung) grosse Effekte haben (zum Beispiel einen Berufswechsel).

 

Wenn wir nun also davon ausgehen, dass unser Leben hauptsächlich von ungeplanten Ereignissen bestimmt wird, wäre das doch ein triftiger Grund, um ganz entspannt das Leben zu nehmen, wie es sich eben gerade entwickelt - aufmerksam für die sich laufend bietenden Gelegenheiten.

 

Rolf Dobelli ruft in seinem Buch „Die Kunst des guten Lebens“ (2017) die Leserschaft dazu auf, sich täglich in Erinnerung zu rufen, dass alles, was wir sind, was wir haben und können, weitgehend das Ergebnis des blinden Zufalls ist. Die Tatsache beispielsweise, dass ich in ein hochentwickeltes, wohlhabendes Land mit einem ausgezeichneten Bildungssystem geboren wurde, ist purer, glücklicher Zufall. Rolf Dobelli schreibt in diesem Zusammenhang, dass Dankbarkeit für die vom Glück Auserwählten - also für dich und mich - das einzig angemessene Lebensgefühl ist. Mit dem schönen Nebeneffekt: Dankbare Menschen sind nachweislich glücklichere Menschen.

 

Wenn es uns also gelingt, uns dem Leben und den Zufällen anzuvertrauen, geben wir dem Leben die Chance, die Dinge für uns zu regeln. Wir müssen und können nicht alles kontrollieren - dazu ist das Leben einfach zu abenteuerlich, zu zufällig. Die meisten Menschen erkennen, wenn sie auf ihr Leben zurückschauen, dass sich vieles ganz gut gefügt hat. Warum sich also nicht regelmässig die Erlaubnis geben, „driften“ zu dürfen, mit dem Leben zu gehen, mit dem Strom zu fliessen? Das ist immer wieder eine wertvolle Alternative zum krampfhaften Festhalten und ohnmächtigen Steuernmüssen. Manchmal ist es einfach leichter und intelligenter, sich dem Fluss des Lebens und des Zufalls ganz bewusst zu überlassen.

Armin Haas