Mit einem Perspektivenwechsel mehr über mich selbst erfahren

Hast du dir auch schon einmal gewünscht, auf der anderen Seite zu stehen, die Rollen zu tauschen, Dinge aus einer anderen Sicht zu betrachten? Und neugierig zu sein, was passiert, wenn du einmal die Perspektive wechselst? So ging es mir in diesem Herbst. Seit fast zehn Jahren bin ich für alle logistischen und administrativen Aufgaben für die woche53 verantwortlich. Die vielen positiven Feedbacks der Teilnehmenden haben mir immer wieder gezeigt: Wenn wir unseren beruflichen und privaten Fragen Zeit und einen Rahmen geben, können diese Rückzugstage viel in Bewegung setzen.

Auch mich beschäftigen einige Themen, weshalb ich mich entschied, einmal „auf der anderen Seite“ zu stehen. So erlebte ich die woche53 im Herbst nicht aus der Perspektive der Organisatorin, sondern als Teilnehmerin. Zusammen mit vier anderen Teilnehmerinnen und zwei Coaches waren wir unterwegs in Viktorsberg, einem inspirierenden Ort im Vorarlberg. Der schöne Herbstwald empfing uns in seiner ganzen Pracht. Im Rucksack dabei hatte jede von uns neben Kleidern, Essen und Trinken auch ihr aktuelles Anliegen. Ich wollte die Zeit, in der es nur um mich ging, nutzen, um eine Auslegeordnung meiner beruflichen Situation zu machen. Die Frage lautete: Wie kann ich meine Fähigkeiten noch besser an den Markt bringen? So der Plan. Aber es kam anders.

 

Das, was ich vorher zu Hause überlegte, entwickelte sich schon am ersten Abend in eine andere Richtung. Vielleicht lag es an der völlig anderen Umgebung, vielleicht an der frischen Luft in der Natur, vielleicht an den anregenden Impulsen der Coaches. Wahrscheinlich beeinflusste alles zusammen die Änderung meiner inneren Befindlichkeit. Es war auf einmal nicht mehr mein berufliches Thema, an dem ich arbeiten wollte. Mir wurde bewusst, dass ich daran nicht arbeiten kann bzw. der Weg dafür nicht frei ist, wenn ich mich nicht vorher mit einem anderen, tief liegenden Thema auseinandersetze, welches mich schon viele Jahre begleitete. Ein Perspektivenwechsel, der nicht geplant war, sondern einfach passierte.

 

Am nächsten Tag, wieder mit dem Rucksack unterwegs im „Seminarraum Natur“, hatte ich viel Zeit, mir weitere Gedanken zu machen und diese auch aufzuschreiben. Eine ganz neue Erfahrung für mich. Das geschriebene Wort hatte auf mich eine grosse Wirkung. Meine Gedanken „verpufften“ nicht ins Leere hinaus, sondern bekamen eine Form. Ich widmete mich meinen Wurzeln, meinem Mutterthema, meinem inneren Kind. Begleitet durch die Coaches gelang es mir, mich auf den Weg der Versöhnung zu begeben.

 

In meinem Prozess während der Rückzugstage half mir auch sehr die Kraft der Natur. Während des Verweilens und des Schweigens im Herbstwald betrachtete ich immer wieder die wunderschönen Herbstbäume: Die Wurzeln eines Baumes geben ihm Halt, die Äste ragen empor und verzweigen sich. Über die Blätter und Wurzeln versorgt sich der Baum mit allem, was er zum Leben braucht. Was für eine schöne Metapher, dachte ich, und sah die Parallele zu meinem Mutterthema: Auch ich habe meine Wurzeln, die mir Halt geben. Meine Zweige sind die Erfahrungen, die ich mit jedem Jahr des Älterwerdens gewinne. Die Entscheidung, welche Verzweigung ich nehme und mit welcher Energie ich mein Denken und Leben fülle, liegt bei mir. Ich habe die Wahl. Nur: Manchmal sehe ich vor lauter Blättern die Lösung nicht. Nehme ich mir jedoch die Zeit und betrachte aus verschiedenen Perspektiven den Raum „zwischen den Blättern“, dann eröffnen sich mir neue Wege. Und so wie die Bäume im Herbst ihre Blätter verlieren, damit sich im Frühjahr frisches Grün ausbreiten kann, so konnte auch ich Altes loslassen, damit Neues entstehen kann. Mein Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Aber ich gehe meinen Weg in die richtige Richtung.

 

Was ich in den vier Tagen erlebt und gelernt habe, ist, dass der geplante und der ungeplante Perspektivenwechsel dazu beigetragen haben, mehr über mich selbst zu erfahren. Es braucht auch Mut, „den Rahmen zu wechseln“, sich in einen anderen Kontext zu begeben, und offen zu sein für Veränderung.

 

So wünsche ich dir die Zeit und Möglichkeit, ab und zu das Gewohnte zu verlassen, neugierig zu sein für neue Impulse und Sichtweisen auf das, was sich manchmal erst aus etwas Distanz zum Alltag zeigen kann.

Juliane Lanter