Zeit als Geschenk

Am Anfang dieses Jahres starb ein Freund und Netzwerkpartner von mir. Einfach so. Herzstillstand im Fitnessstudio. Ende fünzig - topfit, viele Pläne, lebensbejahend. Wenige Stunden vor seinem Tod schrieb er mir noch ein Email - als ich es beantwortete, lebte er schon nicht mehr.

 

Dieses Ereignis löste bei mir einiges aus und veranlasste mich, mir Gedanken zu machen zu meinem eigenen Umgang mit der kostbaren Lebenszeit. Auch wenn wir gerne leben und sich unser Lebenskreis nicht zu früh schliessen soll und schon gar nicht zu „Unzeit“… - die Vergänglichkeit des Lebens ist ein Geschenk. Die Endlichkeit verleiht unserem Leben den Wert und die Würde. Letztlich ist es DIE Lebensaufgabe, unsere beschränkte Lebenszeit sinnvoll und gut im eigenen Rhythmus zu nutzen..

Mich begleitet immer wieder das beklemmende Gefühl, ich hätte nie genug Zeit für all die Dinge, die mir wichtig sind im Leben. Nicht genug Zeit für alles, was ich gerne anpacken und machen würde in der Arbeit und ausserhalb… - sei es Zeit einfach nur für mich, Zeit zum Lesen, Zeit für Familie, Zeit für Freunde, Zeit für Bewegung, Zeit, um sich in der Natur aufzuhalten… Zeit zum Sein.

 

Das Gefühl, nie genug Zeit zu haben für das Wesentliche und vieles unter Druck machen zu müssen, empfinden viele Menschen insbesondere in Führungsfunktionen als latenten „Freiheitsentzug“.

 

Wann fühlen wir uns „gestresst“, wann unter „Zeitnot“? Mir wird immer mehr bewusst, dass das viel weniger von den äusseren Umständen abhängt, als von unserer innerenBefindlichkeit. Wie sehr wir uns unter Druck fühlen, hat weniger mit dem Zeitbudget zu tun, als vom Mass an Kontrolle, das wir empfinden. Stress entsteht in der Regel aus Verlust an Kontrolle. Die Anforderungen in unserer schnelllebigen Zeit werden weiter steigen. Umso wichtiger erscheint es, dass jeder einzelne ein Höchstmass an Freiheitempfindet, über seine Zeit selbst zu bestimmen. Den persönlich richtigen Rhythmus findet nur, wer seinen Körper und seinen Geist ernst nimmt, Körper und Geist quasi Gehör verschafft, damit der Energiehaushalt in einer guten Balance bleibt. Dazu gehört, sehr bewusst das Tempo im Leben immer wieder zu wechseln - von Höchstleistung zu totaler Musse, von Gas geben zu bremsen, von Anspannung zu Entspannung. Und die entsprechende Zeit dafür aktiv zu schaffen.

 

Viele glauben, dass sie keine Zeit für beschauliche Musse haben. Keine Zeit beispielsweise für eine persönliche Auszeit. Häufig ist aber das Gegenteil der Fall: Die Tage vieler Menschen sind auch deswegen bis ins Letzte  durchgeplant und durchgetaktet, weil wir uns gewissermassen vor der Leere fürchten.

 

Wie soll man sich eine Auszeit nehmen, wenn man schon gestresst ist? Wie Zeit finden, für ein ruhiges Morgenritual, wenn einem die Arbeit über den Kopf wächst? Paradoxerweise, wäre es gerade dann umso wichtiger…

 

Nur mit Abstand gewinnen wir neue Perspektiven, können wir vermeintliche Prioritäten im Alltag hinterfragen und werden wir unserer inneren Ziele wieder bewusster. Kurze Auszeiten und Selbstreflexion sind wirkungsvolle Mittel, damit wir unsere geschenkte Zeit und möglichst viele Augenblicke unseres kostbaren Lebens bewusst wahrnehmen und geniessen können.

Armin Haas