The Calling

Nur mal angenommen, es gäbe in unserem Leben so etwas wie einen Aufruf am Flughafen: „Abflug mit Swiss 134 nach Phnom Penh“, und du wüsstest genau, dass das dein Aufruf ist. Dass du jetzt los gehst und eine Reise beginnst, bei der noch einiges ziemlich ungewiss ist. Du bist gespannt, neugierig, vielleicht auch etwas ängstlich. In dem Moment, in dem dein Flugzeug von der Piste in Zürich-Kloten abhebt, erahnst du schon, dass du bei der Rückkehr nicht mehr ganz die- oder derselbe sein wirst. Die schönen und die weniger schönen Erlebnisse während deiner Reise werden dich verändern...

Der Mythen-Forscher Joseph Campbell hat die lebensverändernde Kraft dieser Aufrufe in seinem Buch „The Hero with a Thousand Faces“ eindrücklich beschrieben. Die „Callings“ – die Aufrufe – sind der Grundstoff, aus dem Märchen, Geschichten und Hollywood-Filme bestehen. Da widerfährt jemandem etwas im Leben, was in ihm oder ihr einen Suchprozess in Gang setzt. Zum Beispiel durch ein schicksalhaftes Ereignis oder eine berührende Begegnung mit einem anderen Menschen. Die „Callings“ können unterschiedlichste Formen annehmen. Manchmal kommen die „Calls“ nicht von aussen, sondern von innen, etwa als Unzufriedenheit, unerklärliche Unruhe oder Schlaflosigkeit. Am häufigsten tauchen sie in Kombination von äusseren und inneren Hinweisen auf.

 

Wenn wir den „Call“ als solchen wahrnehmen, haben wir zwei Optionen. Wir können ihn zurückweisen oder elegant überhören. Und so weiter machen wie bisher. Oder wir können den „Call“ beantworten, indem wir uns den damit verbundenen Herausforderungen stellen. Joseph Campbell sagt, dass die Helden unserer Zeit genau dann geboren werden, wenn sie ihren „Call“ annehmen. Sie sagen Ja zur Ungewissheit eines Entwicklungsprozesses, auf den sie sich einlassen, und starten damit eine „Heldenreise“.

 

Welche Herausforderungen dem Helden auf seiner Reise begegnen, ist höchst unterschiedlich. Deshalb kann der Held mit „1000 unterschiedlichen Gesichtern“ daherkommen, wie Campbell in seinem Buchtitel sagt. Was jedoch gewiss ist: In jeder Heldenreise tauchen unerwartete Ressourcen und Helfer auf. Aber auch Verführungen und Bedrohungen. Der Held nimmt die Hilfen vertrauensvoll an. Und er ringt im Kampf um Klarheit und Wahrhaftigkeit, die ihm wichtig sind. Mit neuen Einsichten und Plänen kehrt der Held nach seiner Reise dann zurück in seinen Berufs- und Familienalltag. Er hat sich während seiner Reise entwickelt, kann Dinge anders betrachten und mit innerer Überzeugung handeln.

 

"Wir müssen bereit sein,

uns von dem Leben zu lösen,

das wir geplant haben,

damit wir das Leben finden, das auf uns wartet."

Joseph Campbell

 

Als ehemalige woche53-Reisende/r erinnerst du dich vermutlich noch an den äusseren oder inneren Call, dem du zur woche53 gefolgt bist. Während der ersten Schritte in der woche53 gaben wir den manchmal auch noch leisen „Rufen“ Raum. Dann begann die mehrtägige Entwicklungsreise. Helfer waren uns Hinweise aus der Natur, das Gespräch mit einem Menschen auf dem Weg, vielleicht ein Traum, der Austausch mit anderen Teilnehmenden und die Coaching-Gespräche. Wir schlossen die Heldenreise ab, indem du deine Erkenntnisse vor dem Übertritt in den Alltag sorgfältig gebündelt und in deinem Notizbuch festgehalten hast.

 

...als ich im November/Dezember 2017 einen 3-wöchigen Freiwilligen-Einsatz in Kambodscha leistete, erlebte ich einen unerwartet heftigen Call. Noch beim Abflug in Phnom Penh wurde mir klar, dass ich den Call annehmen werde. In den nächsten Jahren will ich mich für Studenten in Kambodscha einsetzen, die sich aus Armut kein Studium leisten können. Mit der Annahme des Calls bin ich in ein ganz neues Feld eingetreten. Es öffnet sich der nächste Reiseabschnitt meiner persönlichen Entwicklung, der mich meiner Life Mission ein Stückchen näher bringt.

 

Ich wünsche Euch allen den Mut und das Vertrauen, Eure Calls positiv zu beantworten.

Norbert Lanter