Im Zenit des Lebens

Nie war es spannender, über 40 Jahre alt zu werden. Warum? Weil sich die künftigen Lebensentwürfe immer mehr an einem 30/30/30-Modell orientieren: Die ersten 30 Jahre dienen primär dem formalen Lernen, dem Aufbau unseres Wissens, der Entwicklung der sozialen Persönlichkeit, der beruflichen Sozialisierung, dem Erwachsenwerden und dem Ausprobieren. Das zweite Drittel - also von 30 bis 60 - steht im Zeichen des beruflichen Zenits, der Reifung, der Familienphase und der Laufbahngestaltung. Und die letzten 30 Jahre dienen dem Ernten, der Entschleunigung, der reflektierten Lebensführung mit grosser zeitlicher und inhaltlicher Autonomie.

Menschen über 40 haben schon einiges gesehen im Leben, strahlen eine gewisse Seniorität aus, kennen sich selbst ziemlich gut und verfügen über viel Energie und Gestaltungslust. Sie verfügen über eine überdurchschnittliche Abreitsmarktfähigkeit, welche im Zeichen der demografischen Entwicklung noch weiter zunehmen wird. Umso mehr ist es mir ein Rätsel, warum die menschliche Leistungsfähigkeit im reiferen Alter weniger Anerkennung geniessen sollte. Aus humanistischer Sicht ist das fragwürdig. Aus neurobiologischer Sicht gilt es als erwiesen, dass unser Hirn bis ins hohe Alter lernfähig bleiben kann. Und aus unternehmerischer Sicht können wir uns das Abwerten der erfahrenen Mitarbeiter je länger, desto weniger leisten. 

 

Es braucht also ein neues Drehbuch für die Lebensgestaltung, eine revidierte Einstellung - bei Arbeitnehmern wie bei Arbeitgebern. Möglicherweise wird sich kaum ein Aspekt der Personalpolitik stärker verändern als der Umgang mit älteren Mitarbeitern. Schon in wenigen Jahren wird es keine Frage mehr sein, dass Arbeitnehmer bis weit ins sechste Lebensjahrzehnt geschult und weitergebildet werden. 3-Generationen-Teams werden die Norm sein - und auch die erfolgreichsten.

Armin Haas