Ich - wer ist das? - Die Geschichte mit den Geschichten

Der israelische Historiker Yuval Harari sagt, dass unser Ich „nur“ aus Erzählungen besteht. Diese Geschichten sind eine wirre Bricolage, eine unbeständige Vielfalt, die von keinem Ich zusammengehalten wird.

Mit Erzählungen versuchen wir, in das Chaos unserer Erfahrungswelt ein Minimum an Zusammenhang und Beständigkeit zu bringen - und zwar im Nachhinein. Dabei werden aktuelle Erfahrungen und auftauchende Erinnerungen, die diese Erzählungen stören könnten, ausgeblendet.

Wenn unser Ich die Summe der Geschichten ist, die wir uns über uns selbst erzählen, was bedeutet das?

Erzähl eine neue Geschichte über die Geschichte mit dem Ich. Gib die Geschichte auf, dein Ich sei etwas klar Definiertes, etwas Stabiles, etwas Konsistentes. Es ist es nicht. Damit eröffnen sich neue, manchmal auch ganz schön entlastende Möglichkeiten.

       
Wenn es dieses „objektive Ich“ nicht gibt, kommt es also sehr darauf an, welche Geschichten du dir über dich ausdenkst - und anderen erzählst. Sie sind nie wirklich wahr, sondern gut erfunden. Also ist es doch klüger, sich positive Geschichten über sich selbst zu erzählen. Sie sind genauso wahr die die negativen. Positive Geschichten führen zu einem positiven gestimmten und zu einem positiv auf die Welt wirkenden Ich.


Übrigens: Die Hirnforschung bestätigt diese sogenannte poststrukturalistische Idee, also die Annahme, dass wir alle aus Geschichten gemacht sind, die wir uns selbst über uns im Nachhinein erzählen. Und die Gehirnforschung erklärt natürlich auch, weshalb es uns so viel Mühe macht, uns neue Geschichten über uns selbst zu erzählen: Geschichten sind „neuronale Korrelate“, die sich ins Gehirn eingebrannt haben. Sie werden „automatisch“ erzählt - das braucht weniger Energie. Sie nicht mehr zu erzählen, neue zu erfinden und ins Gehirn „einzubrennen“ braucht Bewusstsein, Kreativität und viel Wiederholung.

Norbert Lanter